Mit einem Schlag war der Nebel verschwunden. Um sie herum war lichter Wald, die Sonne schien und die Vögel sangen. Plötzlich sprang ein Männlein von der Seite direkt vor ihre Füße. Es war ein Kobold.
„Morana, gut, dass Ihr gekommen seid. Schnell, der Königin geht es nicht gut.“ Als er Kamron bemerkte, verengten sich seine Augen zu Schlitzen. „Wer ist das?“
„Verehrter Larson, das ist ein Freund von mir. Sein Name ist Kamron.“
Larson musterte Kamron eingehend. Dann hellte sich sein Blick auf.
„Ein Freund von Morana der Zauberin ist auch unser Freund. Sei willkommen im Reich der Kobolde, Kamron.“
Kamron neigte den Kopf zum Gruß.
„Kommt jetzt!“ Larson lief voraus, Morana und Kamron folgten ihm. Nach kurzer Zeit kamen sie zur Siedlung der Kobolde. Dort gab es keine Häuser oder Hütten, die Kobolde wohnten ganz unterschiedlich; in den Bäumen, in Erdlöchern oder auch unter Büschen. Der Palast der Königin und ihrer Familie war in einer Höhle in der Mitte der Siedlung. Larson führte Morana und Kamron zum Eingang, dann verließ er sie.
Als Morana und Kamron die Höhle betraten, brauchten ihre Augen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Von draußen drang kaum Licht herein. Nur ein paar Kerzen auf Ständern, die Morana bis zum Knie reichten, die für die Kobolde aber mannshoch waren, war beleuchteten die Halle. In der Mitte der Eingangshalle hatten die Kobolde das Krankenlager ihrer Königin errichtet. Die Königin schien zu schlafen, doch dann bemerkte sie, dass jemand im Raum war und öffnete die Augen. Sie lächelte, als sie Morana erkannte. Mit großer Mühe setzte sie sich in ihrer Bettstatt auf.
„Seid gegrüßt, große Zauberin, und habt Dank für Euer Kommen. Ihr bringt einen Begleiter?“
„Königin der Kobolde, es ist mir eine Ehre, Euch zu sehen. Ich bringe einen Freund. Sein Name ist Kamron.“
Die Königin nickte Kamron zu. „Seid auch Ihr gegrüßt und willkommen, Kamron. Kommt bitte näher, denn ich bin schwach, aber ich habe Euch Wichtiges zu sagen.“ Außer den Dreien war niemand in der Höhle. „Meine Zeit ist gekommen, ich kann es spüren. Ich habe Euch nicht rufen lassen, um mich zu heilen, sondern um meinen Weg zu erleichtern. Ich gehe ohne Sorge. Mein Sohn ist jung und ungestüm, doch er wird meinem Volk ein guter Anführer sein. Mein eigenes Leben war lang und reich. Ich bin bereit. Ich möchte, dass ihr mir helft, meinen Geist auf seinen Weg vorzubereiten. Ihr kennt die Geheimnisse, Morana.“
Morana nickte. „Ich verstehe und will Euren Wunsch erfüllen. Ich habe alles hier, was benötigt wird. Kamron, bei der Vorbereitung der Riten darf kein Dritter anwesend sein. Ich werde dich gemeinsam mit den anderen rufen, wenn die Zeit gekommen ist.“
Kamron verließ auf Moranas Geheiß die Höhle. Draußen herrschte buntes Treiben. Die Kobolde liefen geschäftig und sich angeregt miteinander unterhaltend umher. Einige trugen Körbe, deren Inhalt sie laut rufend zum Kauf anpriesen. Es schien eine Art Markt stattzufinden. Plötzlich wurden die Stimmen noch lauter und aufgeregter. Es dauerte einen Moment, bis Kamron begriff, dass nun tatsächlich etwas Außergewöhnliches passierte, das die Kobolde offensichtlich beunruhigte.
„Kirgil ist schwer verletzt, er braucht sofort Hilfe!“ hörte Kamron aus dem Stimmengewirr heraus.
„Ich weiß nicht wie das Holz sich lösen konnten, ich hatte es doch fest vertaut.“ Ein Kobold mit einem buschigen weißen Bart war tief bestürzt.
Ein Stück entfernt scharte sich eine Gruppe. Kamron lief dorthin, und sah, dass ein Kobold fast vollständig unter etwa einem Dutzend Ästen, die für die Kobolde wie Baumstämme waren, begraben lag. Einige waren schon auf die Äste geklettert und versuchten, ihren Freund zu befreien. Zu zweit oder zu dritt konnten sie die Äste zur Seite werfen, doch es war eine mühevolle Aufgabe.
Larson war einer von den Helfern. Als er Kamron sah, rief er ihm zu: „Bitte holt schnell die Zauberin Morana, sie muss helfen!“
Kamron lief zur Höhle der Königin zurück. Vor dem Eingang angekommen zögerte er. Morana bereitete die Königin auf ihre letzte Reise vor. Konnte er sie dabei stören? Doch der verletzte Kobold brauchte ebenso Moranas Hilfe. Vorsichtig trat er ein. Die Königin lag da mit geschlossenen Augen, Morana stand am Fußende ihres Bettes und entzündete gerade stark duftende Kräuter in einer kleinen Tonschale.
„Morana, du musst schnell kommen. Es hat einen Unfall gegeben und einer der Kobolde ist schwer verletzt.“
Morana zögerte, doch die Königin öffnete die Augen. „Bitte geh zu Hilfe, wenn einer meiner Untertanen in Not ist.“
Morana warf einen besorgten Blick auf die Königin, dann stellte sie die Schale ab.
„Ich bin so schnell wie möglich zurück. Mein Freund Kamron wird solange bei Euch wachen.“ Zu Kamron sagte sie leise, bevor sie an ihm vorbei aus der Höhle ging: „Leiste ihr einfach Gesellschaft. Es wird nicht mehr lange dauern. Es ist gut, wenn jetzt jemand bei ihr ist.“
Bevor Kamron antworten konnte, war Morana schon verschwunden. Unsicher blieb er in der Nähe des Eingangs stehen. Er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte.
„Komm doch näher, mein Freund.“
Die Koboldin klang schwach. Schüchtern trat Kamron an ihr Bett heran. Der Geruch der Kräuter, die Morana entzündet hatte, machte ihn benommen. „Sag, edler Wolf, was ist geschehen, dass Morana gerufen wurde?“
„Schwere Äste haben sich gelöst und einen Kobold unter sich begraben. Die anderen haben gleich begonnen, ihn zu befreien, aber ich glaube, er ist schwer verletzt.“
Der Blick der Koboldin wurde besorgt, dann zuversichtlich.
„Morana wird bestimmt helfen können. Begleite du mich auf meinem letzten Weg. Morana wird nicht rechtzeitig zurückkommen, ich spüre, dass es bald vorbei ist.“
Kamron erschrak. Er sollte der Königin der Kobolde auf ihrem Weg in den Tod beistehen? Nein, das konnte er nicht. Die Koboldin spürte seine Angst. Sie lächelte.
„Mir scheint, du fürchtest den Tod mehr als ich. Nun, du bist jung und sicher nicht bereit. Doch ich gehe mit leichtem Herzen.“
Zum zweiten Mal an diesem Tag stieg das Bild seiner Eltern vor Kamron auf. Sie waren gefangen und erkannten, dass das Leben jetzt zu Ende gehen würde. Waren sie bereit gewesen zu gehen? Hatten sie Zeit gehabt, das Leben, das sie gelebt hatten, wert zu schätzen und loszulassen? Hatten sie in Frieden gehen können, auch wenn der Tod plötzlich und gewaltsam gekommen war?
„Königin, erlaubt mir eine Frage. Was glaubt Ihr, erwartet Euch auf der anderen Seite?“
Die Koboldin antwortete sehr leise, das Sprechen strengte sie an.
„Ich weiß es nicht. Niemand kann das wissen. Doch darauf kommt es nicht an. Auch in diesem Leben wissen wir nicht, was der neue Tag bringt. Aber leben wir lieber in Furcht vor dem Ungewissen oder in freudiger Erwartung auf das, was uns begegnen wird? Wenn man an der Schwelle des Todes steht, ist es genau das gleiche. Warum sollten wir uns fürchten, wenn wir doch nicht wissen, was geschehen wird?“
Kamron dachte einen Moment lang nach. Er konnte nicht erklären warum, doch sein Herz wurde leicht wie seit langem nicht.
„Ich bewundere Euren Mut und Eure Weisheit, Königin der Kobolde.“
„Hab Dank. Aber glaube nicht, dass nicht auch ich dunkle Zeiten erlebt habe und von Zweifel und Kummer geplagt war. Das liegt in der Natur der meisten Wesen. Morana war in diesen Zeiten immer eine gute Freundin, die mir zur Seite stand. Du kannst dich glücklich schätzen, sie zu begleiten.“
„Das tue ich.“
„Kamron, es ist nun Zeit, ich kann es spüren.“ Die Koboldin bot ihre letzte Kraft auf. „Sage Morana meinen tiefsten Dank für ihre Freundschaft und Hilfe in all den Jahren. Bis zuletzt hat sie mir beigestanden. Und richte auch ein Wort an mein Volk: meinen Tod sollen sie als Verlust würdigen, doch sie sollen in Freude und mit Kraft ihr Leben fortführen. Mein Sohn wird ihnen ein guter König sein, er wird für sie sorgen wie zuvor ich. Und auch dir möchte ich danken, du bist ein würdiger Begleiter, ich bin glücklich, dich jetzt bei mir zu haben.“ Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Nur ein Herz, das alles gibt, kann frei sein.“ Dann schloss sie die Augen und schlug sie nicht mehr auf. Kamron wartete einen Moment. Als er sicher war, dass sie friedlich gestorben war, verneigte er sich tief und entfernte sich langsam von ihrer Bettstatt, ohne sich abzuwenden.
Vor der Höhle blickte Kamron wieder auf das wilde Durcheinander der Kobolde. In einiger Entfernung entdeckte er Morana. Sie sprach mit dem verletzten Kirgil. Er saß auf einem Stein, dicke Verbände um einen Arm und beide Beine, doch davon abgesehen schien er munter zu sein. Um die beiden herum standen mindestens ein Dutzend weiterer Kobolde, die sich offensichtlich freuten, dass das Unglück noch einmal gut ausgegangen war. Als hätte sie seine Anwesenheit gespürt, drehte Morana sich um und sah Kamron vor der Höhle der Königin stehen. Sie verstand, was dies zu bedeuten hatte und kam herüber.
„Du hast sie sicher gut begleitet. Sie ist in Frieden gegangen“, sagte Morana.
Kamron war traurig über den Tod der Königin, doch gleichzeitig war sein Herz leicht und er fühlte sich frei.
„Sie dankt dir für deine Freundschaft und deine Hilfe. Von ihrem Volk wünscht sie sich, dass es würdig um sie trauert, aber genauso, dass es mit Freude weiterlebt. Ihren Sohn hat sie als Nachfolger bestimmt. Und sie hat auch mir gedankt, dafür, dass ich ihr beigestanden habe. Ich fühle mich geehrt.“
Morana lächelte. „Du warst ebenso würdig wie ich, sie hinüber zu geleiten. Ich werde ihren Sohn holen, es ist Zeit, das Volk darüber zu informieren, dass seine Königin gestorben ist, damit es seinen König begrüßen kann.“