Seelenfluegel

Beiträge vom Juli 2007

Kamron, der Wolf – Teil 6

Juli 26, 2007 · Kommentar schreiben

Morana weckte Kamron früh am nächsten Morgen: „Komm, steh auf. Heute wartet eine besondere Aufgabe auf uns.“

Der Wald erwachte gerade, als sie die Höhle verließen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es dämmerte bereits und die ersten Vögel hatten begonnen zu singen. Kühler Morgendunst schwebte über dem Waldboden. Kamron war noch halb in Schlaf, doch die klare Luft und Moranas eiliger Schritt ließen ihn schnell wach werden.

Morana erklärte: „Ein Botschafter der Waldkobolde ist zu mir gekommen. Er hat mich um Hilfe gebeten, ihre Königin ist krank. Wir werden sehen, was wir für sie tun können.“

„Wir? Du kannst ihr sicher helfen, doch was kann ich tun für eine Koboldfrau?“

„Nun, vielleicht kannst mir helfen oder etwas lernen. Das weiß man vorher nie genau.“

Kamron konnte sich nicht vorstellen, wie er einer Koboldin, Königin oder nicht, hätte helfen können und auch nicht, was er von den Kobolden hätte lernen können.

„Bist du schon einmal Kobolden begegnet?“ fragte Morana.

„Nein“, antwortete Kamron, „ich habe nur die Geschichten über sie gehört, die in meinem Rudel erzählt worden sind, als ich noch ein Kind war.“ 

„Was für Geschichten waren das?“

„Die Kobolde haben eine menschenähnliche Gestalt, doch sie sind viel, viel kleiner. Sie sind unfreundlich und mürrisch. Meine Eltern haben mich gelehrt, ihnen aus dem Weg zu gehen, sollte ich ihnen jemals begegnen, denn sie sind zänkisch und können ohne Grund angreifen. Sie haben Waffen, Pfeile und kleine Speere. Sie können einen Wolf damit nicht ernsthaft verletzen, aber es kann sehr unangenehm werden.“

Morana lachte. „Was du gehört hast, ist nicht falsch. Die Kobolde sind nicht besonders offen und freundlich gegenüber Fremden. Und sie geraten auch leicht in Zorn und streiten oft. Doch sie können auch hilfreich sein, wenn sie Vertrauen zu dir gefasst haben. Die Kobolde überbringen oft Botschaften oder kleine Sendungen für mich, denn sie sind schnell und geschickt. Und so sehr sie sich streiten, so sehr sorgen sie auch füreinander. Ihre Gemeinschaft ist das Wichtigste für sie. Dass sie mich um Hilfe bitten, ist ein Zeichen großen Vertrauens.“

„Werden sie auch mir vertrauen?“

„Ja, das werden sie.“ 

Vor zwei schlanken Birken blieb Morana unvermittelt stehen.

„Hier ist der Eingang zum Reich der Kobolde. Wer es nicht kennt, findet sich nicht zurecht darin. Bleib immer nah bei mir, sonst verläufst du dich“, sagte Morana warnend zu Kamron, dann wandte sie sich wieder den Birken zu. Sie breitete die Arme aus, senkte den Kopf und sprach laut: „Wächter zum Reich der Kobolde, zwei Gäste bitten um Einlass. Wir kommen um zu helfen.“

Kamron fragte sich, zu wem Morana gesprochen hatte, denn es war niemand zu sehen. Plötzlich änderte sich das Licht, die morgendlichen Sonnenstrahlen waren verschwunden, dichter Nebel umhüllte die beiden. Kamron hatte Mühe, Morana durch den Nebel zu sehen, obwohl sie direkt neben ihm stand.

„Komm, man hat uns Einlass gewährt.“ Morana machte einen Schritt nach vorne, zwischen den beiden Birken hindurch.Kamron folgte und blieb dicht hinter ihr, während sie weiter ging.

„Der Nebel schützt die Kobolde vor Eindringlingen. Er wird noch dichter werden. In ein paar Augenblicken wirst du gar nichts mehr sehen können, nur noch weißes Zwielicht. Du wirst selbst mich nicht mehr sehen könne, auch wenn du ganz nah bei mir bist. Wir werden durch unsere Stimmen in Kontakt bleiben. Achte darauf, immer bei mir zu bleiben, damit du dich nicht verlierst.“

In Moranas Stimme klang etwas mit, das Kamron schaudern ließ. Er mochte den Gedanken nicht, blind durch den Nebel zu gehen. Dabei scheute er nicht die Gefahr, denn seit er sein Rudel verlassen hatte, war er häufig in bedrohlichen Situationen gewesen. Manchmal konnte er mit Stärke, manchmal mit Geschick die Gefahr abwenden, doch stets aus eigener Kraft. Kamron war es nicht gewohnt, sich vollkommen auf andere zu verlassen.

„Kamron, bist du da?“ Moranas Stimme klang dumpf im Nebel. Kamron konnte nicht abschätzen, wie weit entfernt sie war. Morana hatte Recht gehabt, er konnte nur noch das Weiß des Nebels sehen, seine Augen nützten ihm nicht mehr.

„Ich bin hier.“

„Gut. Ich werde dir über die Kobolde erzählen, damit du immer meine Stimme hörst und ihr folgen kannst. Antworte mir häufig, damit ich weiß, dass du noch bei mir bist.“

„Ja, ich höre dich nahe bei mir.“

„Die Kobolde haben diesen Nebel vor langer Zeit heraufbeschworen, um Eindringlinge fernzuhalten. Sie mögen keine Fremden. Sie bleiben am liebsten unter sich. Wenn du die Kobolde in ihrem Reich besuchen willst, musst du an der Pforte um Einlass bitten, so wie wir es gerade getan haben. Selbst wenn sich jemand unerwünscht Zutritt verschafft, wird er es nicht schaffen, bis zu den Kobolden vorzudringen. Dies ist kein gewöhnlicher Nebel. Du kannst nicht einfach hindurch gehen und ihn damit überwinden. Jeder, der den Weg nicht kennt, wird sich darin verlieren. Wenn er Glück hat, wird ihm ein Kobold helfen, den Weg zurück in unsere Welt zu finden. Doch wenn er mit böser Absicht gekommen ist, werden ihn die Kobolde seinem Schicksal überlassen und er wird immer weiter im Nebel umher irren. Doch fürchte dich nicht, Kamron, ich kenne den Weg und die Kobolde vertrauen mir.“

„Ich fürchte mich nicht“, antwortete Kamron. Dennoch fand er den Gedanken schrecklich, dass Verlorene in diesem Nebel irrten und den Weg zurück nicht finden konnten. Er konnte sich kaum vorstellen, dass man es nicht aus eigener Kraft schaffen könnte, aus dem Nebel heraus zu finden, doch er zweifelte Moranas Worte nicht an.

„Du bist mutig, ich weiß. Doch Mut hilft hier nicht. Hier brauchst du Vertrauen. Vertrau dich mir an.“

Und obwohl es Kamron schwer fiel, gab er die Kontrolle auf und überließ Morana die Führung. Einen Moment lang herrschte Schweigen.

„Was fehlt der Koboldin? Wirst du ihr helfen können?“ fragte Kamron dann in den Nebel hinein.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Morana. „Der Bote hat gesagt, dass sie sehr schwach ist und nicht aufstehen kann. Ich habe verschiedene Kräuter und Salben mitgebracht. Wir werden sehen, ob wir ihr helfen können. Wenn ihre Zeit gekommen ist, kann ich nichts mehr für sie tun außer ihre Schmerzen zu lindern.“

Im Nebel tauchte vor Kamron das Bild seiner Eltern auf, gefangen in den Fallen des Wilderers. Er spürte die Hilflosigkeit und das Entsetzen als wäre es gestern gewesen. Er hatte nichts für sie tun können. Er hatte noch nicht einmal ihre Schmerzen lindern können.

„Du weißt, dass es nicht deine Schuld war, dass deine Eltern gestorben sind, nicht wahr, Kamron?“

Kamron erschrak. Er hatte nichts gesagt, nur daran gedacht. Und er hatte mit Morana noch nie über seine Familie gesprochen.

„Woher weißt du vom Tod meiner Eltern? Kannst du Gedanken lesen?“

„Nein, ich kann nur mehr erspüren als andere. Und manche Gefühle sind so stark, dass sie sogar durch den Nebel dringen.“

Kategorien: Geschichten

Kamron, der Wolf – Teil 5

Juli 23, 2007 · Kommentar schreiben

Benommen machte Kamron ein paar Schritte zurück. Was hatte dieses Bild zu bedeuten? Eine Löwin und ein Reh friedlich zusammen in einem Boot auf stürmischer See. Und ein Adler, der sich zu ihnen setzt. Kamron hatte gehofft, erfahren zu können, wie sein Inneres aussah, doch dieses Bild half ihm nicht weiter. Er war erleichtert, dass ihn kein hässliches Monster angestarrt hatte, doch klüger war er nun auch nicht. Er würde Morana erzählen, was er gesehen hatte, vielleicht konnte sie ihm helfen zu verstehen. 

Er sah sich nach ihr um, konnte sie aber nicht entdecken. Er ging von der kleinen Lichtung wieder in den Wald hinein, in die Richtung, aus der sie zuvor gekommen waren. Nach wenigen Schritten sah er sie. Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf einer großen Astwurzel und schien sich auszuruhen. Doch sobald Kamron sie erblickt hatte, stand sie auf und kam auf ihn zu.

„Meine Arbeit ist erledigt. Die Kräuter sind gesammelt“, sagte sie, als sie vor ihm stand, „lass uns nach Hause gehen.“   

Kamron war begierig darauf, zu erfahren, was seine Vision im See zu bedeuten hatte, doch er ging schweigend neben Morana her, bis sie wieder am Eingang ihrer Höhle angelangt waren. Drinnen legte Morana die gesammelten Kräuter auf den Tisch und schnürte sie zu kleinen Bündeln, die sie an einem Regal zum Trocknen aufhängte. Kamron sah ihr dabei zu. Ihre Bewegungen waren ruhig und fließend, genauso wie ihr ganzes Wesen. Kamron fühlte sich wohl bei ihr.

„Möchtest du darüber reden, was du im See gesehen hast?“ fragte sie nach einer Weile.

„Zuerst habe ich nur mein Spiegelbild gesehen, doch dann kamen andere Bilder. Ich habe sie nicht verstanden.“

„Was hast du gesehen?“

Kamron erzählte vom Flug des Adlers, der wilden See, dem kleinen Boot mit der Löwin und dem Reh und wie der Adler sich zu ihnen setzte. Morana ließ ihn reden, ohne Fragen zu stellen. Als Kamron alles gesagt hatte, schwieg sie noch einen Moment. 

Dann sprach sie: „Die Seele hat viele Facetten. Ein Wesen kann zu einer Zeit ungeduldig sein und zu einer anderen besonnen, furchtsam in einem Moment und mutig im nächsten. Deshalb ist das Bild unseres Inneren häufig nicht auf Anhieb zu verstehen. So wie ein anderes Wesen, dem du gerade erst begegnet bist.“

„Du meinst, alles, was ich gesehen habe, war mein Inneres?“

„Ja. Du bist der Adler, die Löwin und das Reh. Du hast Eigenschaften von ihnen allen in dir. Du bist überlegt und frei wie der Adler. Du bist eigensinnig und furchtlos wie die Löwin. Und du bist vorsichtig und schreckhaft wie das Reh. All diese Eigenschaften sind in dir, doch sie sind nicht in Harmonie. Du bist ruhelos, ständig auf der Suche und du weißt gar nicht, wonach. Deshalb treffen sich deine Seelentiere in der stürmischen See. Deine Seele ist in Aufruhr, deine Sehnsucht kann sich nicht erfüllen.“

Als Morana geendet hatte, schwiegen sie beide. Kamron dachte über das nach, was sie gerade gesagt hatte. Sie hatte Recht. Er war rastlos, auf der Suche, ohne zu wissen wonach. Es war ihm bisher nicht bewusst gewesen, doch jetzt wo es ausgesprochen war, wusste er, dass es stimmte. Kamron fühlte sich verstanden.

Dann sagte er: „Morana, ich glaube es ist ein großes Glück, dass ich in diesen Wald gekommen bin.“

„Ja, ein Glück für uns beide. – Doch es ist Zeit, zu Bett zu gehen. Ich bin alt und brauche meinen Schlaf!“ Sie lachte und wurde dann wieder ernst: „Doch zuvor noch eines, Kamron. Dein Inneres mag in Aufruhr sein, doch du hast heute nichts gesehen, wofür du dich schämen müsstest. Im Gegenteil, du kannst stolz sein, du trägst kostbare Eigenschaften in dir.“

Dann zog sie sich zur Nachtruhe zurück. Kamron lag noch lange wach und dachte darüber nach, was Morana über seine Seelentiere und die Aufruhr in seinem Herzen gesagt hatte. Erst als es schon tief in der Nacht war, sank er in einen traumlosen Schlaf.

Kategorien: Geschichten

Kamron, der Wolf – Teil 4

Juli 13, 2007 · Kommentar schreiben

„Komm hier entlang, dort drüben wachsen die Kräuter, die ich sammeln will.“ Morana schnitt mit einem kleinen Messer verschiedene Kräuter und legte sie vorsichtig in einen Korb, der mit einem Tuch ausgeschlagen war. Jedes einzelne Kraut nannte Morana beim Namen und sie erklärte, gegen welche Leiden es half und wie man es verabreichen musste. Beim Sammeln der Kräuter gingen sie tief in den Wald hinein. Auf einer Lichtung entdeckte Kamron einen sehr kleinen See, über den er beinahe mit einem Satz hätte springen können. Kamron ging nahe heran und blickte auf die Oberfläche. Das Wasser war ganz still. Klar und deutlich sah er sein Spiegelbild. Ein junger kräftiger Wolf, mit glänzendem Fell und leuchtenden Augen.

„Was siehst du, Kamron?“ fragte Morana. Kamron drehte den Kopf. Sie stand hinter ihm.

„Mein Spiegelbild.“

„Dies ist ein magischer See. Du kannst darin nicht nur dein äußeres Bild sehen, sondern auch in dein Inneres blicken, in deine Seele.“

Kamron sah sie erschrocken an. „Man kann die eigene Seele sehen?“

„Ja. Wenn du bereit dazu bist und es wirklich willst.“

„Hast du das jemals getan?“

„Vor langer Zeit bereits.“

Obwohl er es sehr gerne gewusst hätte, wagte Kamron nicht zu fragen, was Morana in dem Wasser gesehen hatte. Stattdessen fragte er: „Was, wenn man nicht mag, was man sieht? Wenn man feststellt, dass man hässlich und wertlos ist im Innern?“

„Nun, man muss sich zunächst so annehmen und akzeptieren. Und wenn man möchte, wird man danach einen Weg suchen, sich zu verändern.“

„Das Innere kann sich verändern?“

„Genau wie das Äußere verändert sich auch die Seele im Lauf eines Lebens. Alles, was wir erleben, verändert uns. Doch man braucht Mut und Kraft, das Innere aus eigenem Willen heraus zu ändern.“ Morana lächelte. „Willst du aber nicht vielleicht erst sehen, wie das Wesen aussieht, das in dir wohnt? Vielleicht bist du zufrieden, mit dem was dir das Wasser zeigen kann.“

Kamron zögerte. „Du meinst, ich soll in mein Inneres hineinsehen? Jetzt und hier?“

„Ja. Hab keine Angst. Ich werde dich allein lassen, doch ich gehe nicht weit. Du wirst mich leicht wieder finden.“

Sie ging von der Lichtung zurück in den Wald hinein. 

Kamron hatte Angst davor, sein Inneres zu sehen. Was, wenn ihn eine hässliche Fratze aus dem Wasser heraus anstarren würde? Wenn er feststellen müsste, dass ihn niemals ein anderes Wesen schätzen und lieben könnte, weil sein Inneres abstoßend war? Kamron nahm all seinen Mut zusammen und trat ganz nah ans Ufer. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Dann öffnete er die Augen und sah auf die Wasseroberfläche. Er sah sein Spiegelbild, wie zuvor. Warum sah er nicht sein Inneres? Hatte Morana nicht die Wahrheit gesagt? Nein, er glaubte der Alten. Es musste an ihm liegen. Was hatte sie gesagt? Man müsse bereit sein und es wirklich wollen. Er konzentrierte sich und sah weiter auf die Oberfläche.

Ja, ich habe Angst, doch ich will wissen, wie mein Inneres aussieht, sagte er zu sich selbst. Mehrere Minuten stand er so da und nichts veränderte sich. Er sah den jungen starken Wolf, der sich in der ruhigen Oberfläche des klaren Wassers spiegelte. Er wurde immer ruhiger und vergaß den Wald um sich herum. Er hörte die Vögel nicht mehr und auch nicht das sanfte Rauschen der Bäume. Er war ganz bei sich selbst.

Und da begann das Bild auf der Wasseroberfläche sich zu verändern. Kamrons Spiegelbild verschwand, stattdessen sah er nur noch Wasser. Aber es war nicht die stille Oberfläche des Sees, sondern das stürmische Wasser eines Meeres. Kamron hatte das Gefühl, das Wasser von weit oben zu sehen, wie ein Vogel, der hoch fliegt. Er hörte die stürmische See und konnte das salzige Wasser riechen.

Dann sah er den Vogel, aus dessen Augen er auf das Meer blickte. Es war ein Adler, der mit weiten Schwingen im Wind segelte. Der Adler flog jetzt auf die aufgewühlte Wasseroberfläche zu. Ein kleines Boot kam in Sicht, das in den hohen Wellen unruhig schaukelte, aber nicht kenterte. Der Adler ging noch tiefer und Kamron konnte sehen, dass ein Reh und eine Löwin in dem Boot saßen. Der Adler wurde fast von den Wellen erfasst, als er auf dem Rand des Bootes landete. Die drei Tiere sahen sich an, während ihr Boot auf den Wellen tanzte. Dann verschwand das Bild plötzlich und Kamron sah wieder sein Spiegelbild auf der ruhigen Oberfläche des Sees. Das Meeresrauschen und der Salzgeruch waren verschwunden, die Geräusche und Gerüche des Waldes zurückgekehrt.

Kategorien: Geschichten

Kamron, der Wolf – Teil 3

Juli 8, 2007 · 2 Kommentare

Kamron kam es so vor, als wären sie nur wenige Minuten durch den dunklen Wald gegangen, als Morana anhielt und sagte: „Wir sind angekommen.“ Tatsächlich war weit mehr als eine Stunde vergangen. Der Wald war magisch und Zeit hatte hier eine andere Bedeutung. Kamron schaute sich nach einem Haus oder einer Hütte um, doch sie standen mitten zwischen alten mächtigen Laubbäumen. Dann entdeckte er den Höhleneingang, gut versteckt hinter zwei Büschen mit Blüten, deren zartes Blau in der Nacht leuchtete. Morana bog einige Zweige beiseite und ging Kamron voraus in die Höhle hinein. 

Nach ein paar Schritten durch einen schmalen niedrigen Gang öffnete sich ein wohnlich eingerichteter Raum. In einer Ecke brannte in der Kochstelle ein wärmendes Feuer. An den Wänden hingen gewebte Teppiche, die die Kälte abhielten. Vor der Feuerstelle war ein Tisch mit zwei Stühlen. Morana entzündete die drei großen Kerzen aus Bienenwachs, die auf dem Tisch standen. Die Regale zu beiden Seiten der Feuerstelle waren gefüllt mit Gefäßen aus Glas, Holz, Ton und Stein in unterschiedlichen Größen und Formen. Kräuter hingen zum Trocknen an der Seite der Regale und von der Decke. 

„Willkommen in meinem Zuhause, Kamron“, sagte Morana. „Es ist spät. Wir werden uns morgen unterhalten.“ Sie verließ den Raum durch einen kleinen Durchgang neben den Regalen links von der Feuerstelle. Als Kamron allein war, spürte er, wie müde er war. Er legte sich in der Nähe des Feuers auf den Boden und schlief sofort ein. 

  ***  

Nach einem traumlosen Schlaf wurde Kamron von Geräuschen an der Kochstelle geweckt. Er sah eine Frau, die in dem Kessel rührte, der über der dem Feuer hing. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, doch er sah sofort, dass sie alt sein musste. Ihr langes Haar glänzte fast weiß. Sie war klein und ein wenig gebückt. Wer war diese Frau? Wo war Morana?

Die Alte musste bemerkt haben, dass Kamron wach war, denn sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. Aus ihrem freundlichen, faltigen Gesicht leuchteten ihre Augen voller Lebenskraft.

„Guten Morgen, Kamron“, sagte sie, „Hast gut geschlafen?“

„Ja, vielen Dank. Wer bist du? Und wo ist Morana?“

Die Alte lachte. Es war ein herzliches und ehrliches Lachen. Kamron verstand nicht.

„Warum lachst du mich aus?“

Die Alte zwinkerte Kamron freundlich zu.

„Ich lache dich nicht aus. Ich bin Morana. Du bist gestern Nacht mit mir zusammen hierher gekommen, nachdem wir uns im Wald getroffen haben.“

Die Alte musste verrückt sein. Morana war eine wunderschöne  junge Frau, die in ihrer Anmut zu schweben schien, nicht eine verschrumpelte Alte, gebeugt und mit weißem Haar.

„Ich weiß, dass das verwirrend sein kann. Die meisten Wesen sehen etwas anderes, wenn sie mir zum ersten Mal begegnen. Nur sehr wenige sehen mich auch beim ersten Mal so, wie ich in Wirklichkeit bin. Glaube mir, Kamron, ich bin dieselbe, der du gestern Nacht im Wald begegnet bist.“

Kamron begann, der Alten zu glauben.

„Wie ist das möglich?“

„Wenn ein Wesen mir zum ersten Mal begegnet, sieht es immer, wonach sein Herz sich sehnt. Nur die, deren Herzen völlig frei sind, sehen mich gleich so, wie ich bin. Wie hast du mich gesehen, Kamron?“

„Du warst jung und wunderschön, mit langem schwarzem Haar. Da war ein sanftes Leuchten, das dich umgab und es war fast so, als würdest du schweben und nicht gehen.“

Morana nickte: „So sehen mich viele. Du gehörst also zu denen, die die Sehnsucht treibt.“

Kamron wusste nicht genau, was sie damit meinte, doch er fragte auch nicht weiter nach.

Morana sagte: „Ich werde heute im Wald Kräuter sammeln. Möchtest du mich begleiten?“

„Ich helfe dir gerne, wenn ich kann“, erwiderte Kamron. 

Kurze Zeit später verließen sie die Höhle und gingen durch den Wald. Trotz ihres Alters bewegte sich Morana mit leichtem Schritt, auch abseits der Wege. Sie kannte jeden Baum, jeden Busch, jede Lichtung.

„Der Wald ist reich“, erklärte Morana, während sie neben Kamron herging. Sonnenstrahlen glitzerten durch das dichte Laub der Bäume. „Du findest reichlich Nahrung, Holz zum Kochen und Wärmen, frisches Wasser aus dem Bach und Kräuter zur Heilung.“

Morana blieb stehen und sah Kamron in die Augen. „Der Wald kann fast alle Wunden heilen.“

Kamron hatte das Gefühl, sie würde bis zum Grund seiner Seele schauen. Schnell wandte er den Blick ab.

Kategorien: Geschichten