Morana weckte Kamron früh am nächsten Morgen: „Komm, steh auf. Heute wartet eine besondere Aufgabe auf uns.“
Der Wald erwachte gerade, als sie die Höhle verließen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es dämmerte bereits und die ersten Vögel hatten begonnen zu singen. Kühler Morgendunst schwebte über dem Waldboden. Kamron war noch halb in Schlaf, doch die klare Luft und Moranas eiliger Schritt ließen ihn schnell wach werden.
Morana erklärte: „Ein Botschafter der Waldkobolde ist zu mir gekommen. Er hat mich um Hilfe gebeten, ihre Königin ist krank. Wir werden sehen, was wir für sie tun können.“
„Wir? Du kannst ihr sicher helfen, doch was kann ich tun für eine Koboldfrau?“
„Nun, vielleicht kannst mir helfen oder etwas lernen. Das weiß man vorher nie genau.“
Kamron konnte sich nicht vorstellen, wie er einer Koboldin, Königin oder nicht, hätte helfen können und auch nicht, was er von den Kobolden hätte lernen können.
„Bist du schon einmal Kobolden begegnet?“ fragte Morana.
„Nein“, antwortete Kamron, „ich habe nur die Geschichten über sie gehört, die in meinem Rudel erzählt worden sind, als ich noch ein Kind war.“
„Was für Geschichten waren das?“
„Die Kobolde haben eine menschenähnliche Gestalt, doch sie sind viel, viel kleiner. Sie sind unfreundlich und mürrisch. Meine Eltern haben mich gelehrt, ihnen aus dem Weg zu gehen, sollte ich ihnen jemals begegnen, denn sie sind zänkisch und können ohne Grund angreifen. Sie haben Waffen, Pfeile und kleine Speere. Sie können einen Wolf damit nicht ernsthaft verletzen, aber es kann sehr unangenehm werden.“
Morana lachte. „Was du gehört hast, ist nicht falsch. Die Kobolde sind nicht besonders offen und freundlich gegenüber Fremden. Und sie geraten auch leicht in Zorn und streiten oft. Doch sie können auch hilfreich sein, wenn sie Vertrauen zu dir gefasst haben. Die Kobolde überbringen oft Botschaften oder kleine Sendungen für mich, denn sie sind schnell und geschickt. Und so sehr sie sich streiten, so sehr sorgen sie auch füreinander. Ihre Gemeinschaft ist das Wichtigste für sie. Dass sie mich um Hilfe bitten, ist ein Zeichen großen Vertrauens.“
„Werden sie auch mir vertrauen?“
„Ja, das werden sie.“
Vor zwei schlanken Birken blieb Morana unvermittelt stehen.
„Hier ist der Eingang zum Reich der Kobolde. Wer es nicht kennt, findet sich nicht zurecht darin. Bleib immer nah bei mir, sonst verläufst du dich“, sagte Morana warnend zu Kamron, dann wandte sie sich wieder den Birken zu. Sie breitete die Arme aus, senkte den Kopf und sprach laut: „Wächter zum Reich der Kobolde, zwei Gäste bitten um Einlass. Wir kommen um zu helfen.“
Kamron fragte sich, zu wem Morana gesprochen hatte, denn es war niemand zu sehen. Plötzlich änderte sich das Licht, die morgendlichen Sonnenstrahlen waren verschwunden, dichter Nebel umhüllte die beiden. Kamron hatte Mühe, Morana durch den Nebel zu sehen, obwohl sie direkt neben ihm stand.
„Komm, man hat uns Einlass gewährt.“ Morana machte einen Schritt nach vorne, zwischen den beiden Birken hindurch.Kamron folgte und blieb dicht hinter ihr, während sie weiter ging.
„Der Nebel schützt die Kobolde vor Eindringlingen. Er wird noch dichter werden. In ein paar Augenblicken wirst du gar nichts mehr sehen können, nur noch weißes Zwielicht. Du wirst selbst mich nicht mehr sehen könne, auch wenn du ganz nah bei mir bist. Wir werden durch unsere Stimmen in Kontakt bleiben. Achte darauf, immer bei mir zu bleiben, damit du dich nicht verlierst.“
In Moranas Stimme klang etwas mit, das Kamron schaudern ließ. Er mochte den Gedanken nicht, blind durch den Nebel zu gehen. Dabei scheute er nicht die Gefahr, denn seit er sein Rudel verlassen hatte, war er häufig in bedrohlichen Situationen gewesen. Manchmal konnte er mit Stärke, manchmal mit Geschick die Gefahr abwenden, doch stets aus eigener Kraft. Kamron war es nicht gewohnt, sich vollkommen auf andere zu verlassen.
„Kamron, bist du da?“ Moranas Stimme klang dumpf im Nebel. Kamron konnte nicht abschätzen, wie weit entfernt sie war. Morana hatte Recht gehabt, er konnte nur noch das Weiß des Nebels sehen, seine Augen nützten ihm nicht mehr.
„Ich bin hier.“
„Gut. Ich werde dir über die Kobolde erzählen, damit du immer meine Stimme hörst und ihr folgen kannst. Antworte mir häufig, damit ich weiß, dass du noch bei mir bist.“
„Ja, ich höre dich nahe bei mir.“
„Die Kobolde haben diesen Nebel vor langer Zeit heraufbeschworen, um Eindringlinge fernzuhalten. Sie mögen keine Fremden. Sie bleiben am liebsten unter sich. Wenn du die Kobolde in ihrem Reich besuchen willst, musst du an der Pforte um Einlass bitten, so wie wir es gerade getan haben. Selbst wenn sich jemand unerwünscht Zutritt verschafft, wird er es nicht schaffen, bis zu den Kobolden vorzudringen. Dies ist kein gewöhnlicher Nebel. Du kannst nicht einfach hindurch gehen und ihn damit überwinden. Jeder, der den Weg nicht kennt, wird sich darin verlieren. Wenn er Glück hat, wird ihm ein Kobold helfen, den Weg zurück in unsere Welt zu finden. Doch wenn er mit böser Absicht gekommen ist, werden ihn die Kobolde seinem Schicksal überlassen und er wird immer weiter im Nebel umher irren. Doch fürchte dich nicht, Kamron, ich kenne den Weg und die Kobolde vertrauen mir.“
„Ich fürchte mich nicht“, antwortete Kamron. Dennoch fand er den Gedanken schrecklich, dass Verlorene in diesem Nebel irrten und den Weg zurück nicht finden konnten. Er konnte sich kaum vorstellen, dass man es nicht aus eigener Kraft schaffen könnte, aus dem Nebel heraus zu finden, doch er zweifelte Moranas Worte nicht an.
„Du bist mutig, ich weiß. Doch Mut hilft hier nicht. Hier brauchst du Vertrauen. Vertrau dich mir an.“
Und obwohl es Kamron schwer fiel, gab er die Kontrolle auf und überließ Morana die Führung. Einen Moment lang herrschte Schweigen.
„Was fehlt der Koboldin? Wirst du ihr helfen können?“ fragte Kamron dann in den Nebel hinein.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Morana. „Der Bote hat gesagt, dass sie sehr schwach ist und nicht aufstehen kann. Ich habe verschiedene Kräuter und Salben mitgebracht. Wir werden sehen, ob wir ihr helfen können. Wenn ihre Zeit gekommen ist, kann ich nichts mehr für sie tun außer ihre Schmerzen zu lindern.“
Im Nebel tauchte vor Kamron das Bild seiner Eltern auf, gefangen in den Fallen des Wilderers. Er spürte die Hilflosigkeit und das Entsetzen als wäre es gestern gewesen. Er hatte nichts für sie tun können. Er hatte noch nicht einmal ihre Schmerzen lindern können.
„Du weißt, dass es nicht deine Schuld war, dass deine Eltern gestorben sind, nicht wahr, Kamron?“
Kamron erschrak. Er hatte nichts gesagt, nur daran gedacht. Und er hatte mit Morana noch nie über seine Familie gesprochen.
„Woher weißt du vom Tod meiner Eltern? Kannst du Gedanken lesen?“
„Nein, ich kann nur mehr erspüren als andere. Und manche Gefühle sind so stark, dass sie sogar durch den Nebel dringen.“