Kurz nachdem Kamron wieder ein Rudel verlassen hatte, führte sein Weg ihn durch einen magischen Wald. Den ganzen Tag wanderte Kamron durch den Wald, doch auch bei Sonnenuntergang hatte er ihn noch nicht hinter sich gelassen. Als es so dunkel wurde, dass Kamron kaum noch etwas sehen konnte, beschloss er, die Nacht hier zu verbringen und bei Tagesanbruch weiter zu ziehen. Und so legte Kamron sich unter einen Baum, der zugleich Blüten und Früchte trug, um zu schlafen. Im Traum sah er seine Mutter. Doch nicht wie sonst, wenn er von ihr träumte, gefangen im Hinterhalt des Wilderers, sondern in der Nacht seiner eigenen Geburt. Sie war jung und schön. Neben ihr sah er seinen Vater, sein Blick war voller Freude und Stolz. Dann sah er die Rudelälteste und hörte ihre Worte: Er trägt die Sehnsucht im Herzen.
Da wachte Kamron plötzlich auf. Es war mitten in der Nacht. Er hob den Kopf und einige Meter von ihm entfernt stand eine junge Frau. Ein sanftes Leuchten umgab sie. Sie trug ein langes weißes Gewand aus Stoff leicht wie Luft. Ihre Haut war zart wie Elfenbein und ihr schwarzes Haar reichte beinahe bis zum Boden. Kamron fand sie wunderschön und er fragte sich, ob sie eine Fee oder ein anderes magisches Wesen wäre. Sie sah Kamron an, sagte jedoch nichts.
Kamron erhob sich und sprach sie an: „Wer bist du?“
Sie kam auf ihn zu, dabei schien sie kaum die Erde zu berühren. Die Anmut, mit der sie sich bewegte, hüllte Kamron wie in Trance. „Ich habe viele Namen. Für dich werde ich Morana sein. Sei gegrüßt und willkommen, Kamron.“
„Du kennst meinen Namen?“
„Ich kenne die Namen aller Lebewesen in diesem Wald, auch wenn sie nur auf der Durchreise sind wie du.“
„Sei gegrüßt, Morana. Sag mir, was für ein Wesen bist du, bist du ein Mensch?“
Morana lächelte. „Ein Teil von mir ist menschengleich. Manche glauben, ich sei eine Hexe. Einige meinen, ich sei eine Weise. Viele sagen, ich sei eine Heilerin. Von allem ist ein Teil in mir.“
Kamron konnte den Blick nicht von ihr nehmen.
„Kamron, du bist eingeladen, eine Weile hier bei mir in diesem Wald zu bleiben. Es steht dir frei, weiter zu ziehen, wann immer du möchtest.“
Kamron antwortete ohne zu überlegen: „Ich will gerne bleiben.“
„So sei es.“ Morana nickte und wandte sich zum Gehen. Kamron folgte ihr. Sie sprach nicht und Kamron wagte auch nicht, von sich aus zu sprechen, doch nicht aus Angst, sondern aus Respekt. So gingen sie schweigend durch den nächtlichen Wald. Das sanfte Leuchten, das Morana umgab, erhellte den Weg.