Die Vorbereitungen laufen

Die Perücke liegt im Kühlschrank, das Paillettenkleid hängt vor der Heizung. So muss es sein: Ein kühler Kopf auf einem heißen Körper.

Mir bleiben 40 Minuten, bis Gérard mich abholen kommt. Gerade genug, um zu duschen und das Make-up zu zaubern. Ich drehe die Musik lauter. Oh, ich liebe Samstagnacht!

Mehr als eine Liebesgeschichte: „Feuer im Herbst“ von Irène Némirovsky

Offensichtlich ist der Roman „Feuer im Herbst“ eine Liebesgeschichte. Schauplatz ist Frankreich in den Jahren 1912 bis 1941. Thérèse und Bernard kennen sich seit Kinderjahren, aber erst nach Ende des ersten Weltkriegs finden sie sich – und verlieren sich umso schneller wieder, vielleicht für immer.

Es steckt auch ein enorm starkes Gesellschaftsportrait in „Feuer im Herbst“. Das französische Kleinbürgertum der Jahrhundertwende wird ebenso greifbar wie die gebrochene Generation des Großen Krieges. Korrumpiert von dessen Schrecken lebt sie ohne Rücksichtnahme nur fürs eigene Vergnügen und das schnelle Geld.

An vielen Stellen hatte ich das Gefühl, über unsere eigene Generation zu lesen, zum Beispiel:

Neunundneunzig Prozent der im letzten Vierteljahrhundert gemachten Pariser Karrieren ähnelten der seinen [Bernards]. Es waren keine Geschäfte mehr, sondern Papiere, Symbole, Zeichen, Abstraktionen … im Grunde eine Art Spiel …

Er hatte niemanden betrogen. Er hatte weder verraten noch gestohlen. Der Börsenkrach selbst war strafrechtlich gesehen nicht zu beanstanden.

Er wäre verrückt gewesen, es nicht wie alle anderen zu machen. Warum hätte er darauf verzichten sollen? Warum? Und in wessen Namen? Alle fischten im trüben, alle logen, alle intrigierten.

(S. 209 ff; btb 2010)

Man könnte meinen, Irène Némirovsky habe den Roman vor kurzem geschrieben und wolle uns einen Spiegel vorhalten. Hat sie aber nicht. Irène Némirovsky wurde 1942 von den Nazis in Frankreich verhaftet und starb wenig später in Auschwitz.

Fazit: Ein bewegendes Buch einer beeindruckenden Schriftstellerin.

Mehr über Irène Némirovsky auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Irene_Nemirovsky

 

Traum und Wirklichkeit

Neulich habe ich geträumt, dass ich vor einer Art Anzeigetafel stehe. Dort sind nach und nach immer mehr Meldungen zur aktuellen Lage weltweit erschienen: Tote in Syrien, Wahlbetrug in Russland, Neo-Nazis in Deutschland, wischi-waschi Klimagipfel, Überschuldung in Europa, skrupellose Finanzmarktmacher, Strahlen in Japan, …

Im Traum habe ich eine tiefe Traurigkeit empfunden und die Gewissheit: Wir werden es nicht schaffen.

Im krassen Gegensatz dazu mein eigenes kleines Leben: Ein wirklich schönes und erfolgreiches Jahr ist gestern zu Ende gegangen.

Nach einem Jahr im neuen Job habe ich das Gefühl, ich bin angekommen und freue mich auf den weiteren Weg. Auch privat ist alles prima, im Frühling steht ein Umzug in eine tolle neue Wohnung an. Schreibtechnisch war 2011 hervorragend, viele neue Geschichten sind entstanden und sogar das erste gedruckte Werk. Mit meinem Fernstudium bin ich gut und erfolgreich vorangekommen, auch wenn zwischenzeitlich Panikattacken und Selbstzweifel bekämpft werden mussten.

Meine persönliche Wirklichkeit ist ungeheuerlich viel besser als die globale Wirklichkeit. Zur Revolutionärin tauge ich allerdings nicht, so dass sich mein Gewissen auch 2012 mit regelmäßigen wohltätigen Spenden und möglichst umweltfreundlichem und aufrichtigem Verhalten zufrieden geben muss.

Wir werden sehen, was das neue Jahr bringt.

 

Britischer Humor pur: Black Books

Man könnte die drei Hauptpersonen der britischen Comedy-Serie so beschreiben: Bernard Black, Besitzer des Londoner Buchladens „Black Books“. Seine gute Freundin Fran, die oft vorbei kommt. Buchhalter Manny, der ab der zweiten Folge in Bernards Buchladen arbeitet.

Oder so: Ein zynischer, kettenrauchender und rotweintrinkender Ire, der die Welt hasst, weil sie da ist. Eine orientierungs-, aber nicht hoffnungslose Neurotikerin mit einem Händchen für Fettnäpfe. Ein gutmütiger Geduldsengel, dessen Treue durch nichts zu erschüttern ist.

Die Serie sprüht vor Situationskomik und Wortwitz – und immer neuen skurrilen Einfällen. Wer britischen und bisweilen bösen Humor schätzt und sich auf überdrehte Stories einlassen kann, wird begeistert sein.

Es gibt insgesamt 18 Folgen in drei Staffeln, zu kaufen z.B. bei den einschlägigen Shops im Internet. Ich bin an Black Books durch die Empfehlung einer Freundin geraten. Danke dafür! :-)

Zum Ausprobieren hier ein loser Zusammenschnitt einzelner Szenen:

http://www.youtube.com/watch?v=aaeeCV8eRr4

Traue nicht dem Reitlehrer

Klaus konnte es noch immer nicht fassen, obwohl Judith nun schon seit zwei Wochen weg war. Mit diesem Grünschnabel von Reitlehrer war sie durchgebrannt; fast 20 Jahre jünger als sie selbst.

Beherzt hatte Judith die Affäre gestanden; ehrlich war sie, das musste Klaus ihr zugestehen. Gekocht vor Wut hatte er trotzdem. Er hatte sie angeschrien: „Dann pack doch deinen Plunder, wenn du glaubst, dieser schiefmäulige Aushilfs-Cowboy macht dich glücklicher als ich!“

Und genau das hatte Judith getan. Hatte all ihre Sachen abgeholt, tagsüber, während Klaus im Büro saß. Ein wahrer Kahlschlag.

Klaus fühlte sich seitdem wie ein Käuzchen im Sturmtief: ständig in Furcht, haltlos weggeweht zu werden. Auf junggeselliges Lotterleben hatte er keinen Appetit. Schrumpfen wollte er, bis er so klein war, sich in den Ritzen der alten Holzdielen zu verkriechen.

Die letzten Worte, die er mit Judith gewechselt hatte, hallten in seinem Kopf wider: „Vergiss die Reitpeitsche nicht, um deinen jungen Hengst zu zähmen!“

Verletzen wollte er sie; und wütend machen. Doch er sah in Judiths Augen nur Traurigkeit und noch schlimmer: Mitleid. Ihre Stimme war ruhig, fast zärtlich: „Ich hätte mir auch ein anderes Ende gewünscht. Aber wir beide wissen, dass es in Wahrheit schon lange vorbei ist.“

Darauf hatte Klaus keine Antwort gehabt. Stumm hatte er zugesehen, wie Judith sanft die Haustür hinter sich zuzog. Vor zwei Wochen… Seitdem schielte Klaus bei jeder Gelegenheit hinüber zur Tür – doch sie blieb geschlossen.

Vor dem Abendessen (Schau mal, Schatz – Episode 2)

„Komm mal, Schatz, das musst du dir ansehen!“, ruft Christian mir in die Küche zu. Mit dem Geschirrtuch und dem Rotweinglas, das ich gerade abtrockne, gehe ich hinüber ins Wohnzimmer.

„Schau mal.“ Christian zeigt auf den laufenden Fernseher. Auf dem Bildschirm sehe ich eine Frau in einem hochgeschlossenen knielangen roten Kleid, nein, es ist eher ein Kittel. Sie trägt klobige Männerschuhe, die dicken Socken reichen ein Stück über die Knöchel. Ihr Gesicht ist hinter einer altertümlich anmutenden Gasmaske versteckt. So einer, wie man sie aus Museen über die Weltkriege kennt. In den Händen hält die Frau ein Staubsaugerrohr. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich, dass das Staubsaugerrohr über einen geriffelten Schlauch direkt in die Atemöffnung der Gasmaske führt.

„Was ist das denn?“, frage ich irritiert.

„Die neue Samstagabendshow des ZDF, der Nachfolger von ‚Wetten, dass…?‘. Es heißt…“

Christian blättert in der Fernsehzeitschrift. „… ‚Deutschland sucht den Superputzer‘. Moderiert von Hape Kerkeling. Im Wechsel co-moderiert von Carmen Nebel und Caroline Reiber. Unter der Schirmherrschaft von Ursula von der Leyen. Hier steht noch: Tolle neue Show für die ganze Familie. Zehn Kandidaten beweisen mit ihren innovativen Ideen, dass man im Haushalt Energie sparen kann, ohne auf Reinlichkeit verzichten zu müssen. Am Ende der Sendung votet das Publikum per SMS für ‚Deutschlands Superputzer‘.“

„Und das von unseren Gebühren!“, empöre ich mich, da legt die Staubsauger-Lady auch schon los. In atemberaubender Geschwindigkeit saugt sie eine grünliche körnige Substanz in ihr Rohr und reinigt in unter einer Minute eine Fläche von etwa zwei Quadratmetern.

Das Publikum klatscht frenetisch, Kerkeling und Reiber eilen enthusiastisch auf die Maskierte zu, Ursula von der Leyen und eine tief dekolletierte C- bis D-Prominente applaudieren anerkennend auf einer weißen Ledercouch.

Schnitt auf die Saugfrau in Großaufnahme. Als die Dame Anstalten macht, die Maske abzunehmen, greife ich schnell zur Fernbedienung und schalte den Apparat ab. Christian schaut mich fragend an.

„Ich hätte es nicht ertragen, ihr Gesicht zu sehen.“

Christian nickt verständnisvoll.

„Ich helfe dir schnell beim Abwasch, Schatz“, bietet er an. „Wollen wir danach zum Italiener?“

Dankbar lächele ich ihn an: „Sehr gern!“

Auf dem Weg zurück in die Küche frage ich mich: „Wo wird das alles nur enden?“

Vor dem Frühstück (Schau mal, Schatz – Episode 1)

„Schau mal, Schatz, was ich entdeckt habe!“ Strahlend hält Christian mir eine ovale Form aus Kupfer entgegen, mit einem Drehverschluss oben und vielen Dellen rundherum.

„Du warst also auf dem Flohmarkt?“ Ich hätte es wissen müssen, als er sich angeboten hat, frische Brötchen zu holen.

„Auf dem Weg zum Bäcker kommt man ja direkt daran vorbei. Und, was sagst du?“ Immer noch strahlend präsentiert mir Christian das stumpf glänzende Ding.

„Ist das was zum Kochen?“, frage ich.

„Nein, Schatz, das ist eine Bettflasche“, verkündet Christian fröhlich.

„Was? Zum Pinkeln nachts?“

„Nein, kein Nachttopf! Eine Wärmflasche ist das. Von bevor es den ganzen Plastikplunder gab. Ein echter Schatz, findest du nicht?“

Ich ignoriere, dass Christian dieses verbeulte Ungetüm bei meinem Kosenamen nennt. Ich erkundige mich auch nicht, wie viel er dafür ausgegeben hat. Und ich hinterfrage nicht die Sinnhaftigkeit dieser Neuerwerbung. Stattdessen freue ich mich über die glückliche Verklärtheit in Christians Blick und die kleinen Fältchen um seine Augen und den Mund.

„Die Bettflasche passt wunderbar in die große Vitrine zwischen den bronzenen Amor und das Gläserset aus Bleikristall!“

„Und die angerostete Küchenwaage, den gigantischen Aschenbecher aus Rosenquarz und all den anderen Kram…“, denke ich. Ich frage: „Hast du auch Brötchen mitgebracht?“

„Die mit den Kürbiskernen, die du am liebsten magst. Liegen auf dem Küchentisch.“

Ich küsse Christian sanft auf die Wange und schmiege mich kurz an ihn, so gut es mit dem Metallteil in seinen Händen geht. „Der Kaffee ist schon fertig“, sage ich.

Er küsst mich zärtlich zurück auf den Mund und stellt die Bettflasche auf der Kommode neben sich ab.

„Willst du sie nicht gleich zu Amor und dem Bleikristall bringen?“, frage ich.

„Das mache ich nach dem Frühstück mit dir“, antwortet Christian und zwinkert mir zu: „Sie läuft mir sicher nicht weg.“

kupferne Bettflasche

Neue Erkenntnisse

Wenn Ihre Beziehung dauerhaft erfüllend sein soll, müssen Sie früh beginnen, eine Zisterne positiver Energie anzulegen. Wie eine Zisterne im Mittelalter den Wasservorrat einer Stadt gesichert hat, so können Sie mithilfe der Beziehungszisterne Trockenperioden oder konfliktbehaftete Phasen überbrücken. Füllen Sie Ihre Zisterne mit Momenten des Glücks, zärtlichen Worten und anderen Liebesbeweisen.

Carola schaute von der Frauenzeitschrift auf, in der sie wie in einer Fibel gelesen hatte. Gleich halb fünf. Nick verspätete sich. Vor sechs Wochen hatten sie sich beim Tanzkurs für Singles kennengelernt. Es folgten mehrere Verabredungen zum Nachmittagskaffee. Carola hatte jedes einzelne Treffen genossen. Nick war humorvoll, ein guter Zuhörer und äußerst charmant. Zugegeben, von sich selbst hatte er bisher kaum etwas preisgegeben. Und auf Carolas vorsichtigen Vorschlag letzte Woche, sie könnten doch auch einmal abends ausgehen, hatte Nick ausweichend reagiert. Zum Abschied hatte er Carola jedoch zärtlich geküsst. Auf der Heimfahrt im Bus hatte Carola gar nicht in der Frauenzeitschrift gelesen, wie sie es sonst immer tat.

„Es tut mir leid, Carola. Ich bin aufgehalten worden.“ Nicks Lächeln strahlte sie an. Schwungvoll hängte er sein Jackett über den Stuhl und setzte sich Carola gegenüber.

Gerade wollte sie sagen: Macht nichts, schön, dass du da bist; da blieb ihr Blick an Nicks linker Hand hängen.

„Nick, was ist das?“

„Was meinst du?“

„An deiner Hand. Was ist das?“

Nicks Strahlen fror ein. Carola starrte fassungslos auf das schmale goldene Band.

„Carola, bitte. Ich kann das erklären.“

„Nicht nötig!“

Carola nahm ihre Kaffeetasse und schüttete Nick den lauwarmen Rest ins Gesicht. Sie packte ihre Tasche und rannte aus dem Café. Draußen konnte sie die Tränen nicht mehr aufhalten. Sie lief die Straße hinunter, ohne zu wissen, wohin. Allmählich wurden ihre Schritte langsamer, der Atem ruhiger, die Tränen trockneten.

Sie kam an einem kleinen Park vorbei und setzte sich auf eine sonnenbeschienene Bank. Jemand hatte eine Tageszeitung liegen lassen. Carola griff nach einem Teil und schlug wahllos eine Seite auf. ‚Kontakte‘ lautete die Überschrift. „Wie passend…“, dachte Carola. Sie las die erste Anzeige in der Rubrik ‚Er sucht Sie‘.

Eros (30, sportlich, attraktiv) sucht Venus (bis 25, max. 55 kg, blond). Wenn du auch so viel Spaß daran hast wie ich, dann melde dich. Chiffre 1236.

Direkt darunter stand:

Knuddelbär (39) sucht Kuschelmaus zum Knuddeln und Kuscheln. Ich hab alle Kuschelrock! Chiffre 3875.

Mit hochgezogenen Augenbrauen legte Carola die Zeitung beiseite. Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Nick hatte fünfmal angerufen. Vielleicht sollte sie sich doch anhören, was er zu sagen hatte…

Fortsetzung folgt

Blasen sind zum Platzen da

Heute auf dem Heimweg habe ich aus dem Augenwinkel dieses Bild im Aufmacher einer Tageszeitung wahrgenommen. Vor Übelkeit wäre ich beinahe vom Fahrrad gekippt.

Ich hänge ziemlich an meinem eigenen Wohlstand, aber manchmal wünschte ich, die Blase würde endlich platzen.

Ein klassisches Meisterstück: Night of Hunters von Tori Amos

„Night of Hunters“ erzählt die Geschichte einer Nacht. Sie beginnt mit dem Bruch einer Liebe und endet damit, dass die verlassene Frau sich selbst wiederfindet. Inspiriert sind die Songs von klassischen Komponisten wie Chopin, Schubert oder Bach. Für Pop-gewohnte Ohren wie meine dadurch noch herausfordernder als andere Alben von Tori Amos. Nach dem dritten oder vierten Durchgang habe ich mich verliebt und seitdem höre ich Night of Hunters fast jeden Tag – selbst wenn die CD nicht läuft.

Empfehlen würde ich Night of Hunters allen Menschen, die bereits einen Zugang zu Tori Amos‘ Musik gefunden haben und die mit der keltischen Mythenwelt etwas anfangen können. Abraten würde ich allen anderen.